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„Die Rolle des Imams ist vorwiegend präventiv“

Wenn es um Radikalisierung geht, wird regelmässig auch die Rolle der Imame erwähnt. Welche Rolle könnten Ihrer Meinung nach die Imame bei der Prävention von Radikalisierungsprozessen einnehmen?

Die Rolle des Imams ist in diesem Zusammenhang vorwiegend präventiv. Seine Tätigkeit in der Moscheegemeinde, unter anderem mit der jüngeren Generation, ist darauf fokussiert, dass wir den jungen Menschen ermöglichen, ihre Religion aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen und zu verstehen, dass sie die Moscheeaktivitäten aktiv mitgestalten, aber auch wichtige Funktionen in der Führung der Moscheegemeinde übernehmen. Die Aktivitäten mit den Jugendlichen decken eine breite Palette ab von Sport, über Kultur bis hin zu religiösen Aktivitäten, wie gemeinsamen Gebeten in der Moschee oder dem Besuch des Religionsunterrichts. Damit wird angestrebt, dass sie sich in der Freizeit sinnvoll beschäftigen, in einer Gemeinde eingebettet sind und sich mit Gleichaltrigen austauschen können.

 

Wie gehen Sie in Ihrer beruflichen Praxis als Imam damit um, dass einige junge Menschen sich von einer Interpretation des Islams, die Gewalt fördert, angezogen fühlen könnten?

Junge Menschen können während einer schwierigen Phase in ihrem Leben besonders gefährdet sein und sich von religiösem Radikalismus angezogen fühlen. Wir versuchen religiöse Gegennarrative oder alternative Narrative zu entwickeln, welche einer falschen Interpretation des Islams vorbeugt, indem wir bei unseren Treffen mit Jugendlichen, in unseren Predigten und im Religionsunterricht die lebensbejahende und friedenstiftende Lehre des Islams betonen und uns klar gegen extremistische Ideologien positionieren. Mit alternativen Narrativen meine ich auch die Präsentation von positiven, erfolgreichen muslimischen Persönlichkeiten, wie etwa bekannte Sportler, Sänger, Rapper und Schriftsteller aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und weiteren Ländern. Im Übrigen müssen wir auch bedenken, dass Empfänglichkeit für extremistische Ideologien sich nicht allein auf Ebene religiöser Auseinandersetzung vollzieht und verhindert werden kann. Mittlerweile wissen wir, dass psychosoziale Faktoren die Empfänglichkeit begünstigen und daher nicht ausser Acht gelassen werden sollten.

 

Ist Radikalisierung ein Thema, das Sie in Ihrem Unterricht oder in Ihren Predigten thematisieren? Wenn ja, in welcher Form?

Selbstverständlich. Über solche Themen nicht zu sprechen, wäre wie in einer anderen Welt zu leben. Wir haben uns klar und entschieden gegen Radikalismus und Extremismus jeglicher Form ausgesprochen und alle Missetaten, die im Namen des Islams ausgeübt worden sind, auf Schärfste verurteilt. Wir haben etliche Male in unseren Predigten den offenen Brief von über 120 muslimischen Gelehrten an al-Baghdadi angesprochen und ihn zitiert. In diesem Brief werden die Verbrechen des IS verurteilt und die Behauptung des IS, im Namen des Islams zu handeln, wiederlegt. So verbietet es der Islam beispielsweise islamische Rechtsurteile zu sprechen, ohne die dafür jeweils notwendige Ausbildung und Qualifikation zu haben. Im islamischen Religionsunterricht an der Schule in Kreuzlingen wird das Thema «Gewalt» präventiv im Unterricht behandelt. Ein Beispiel wäre die Lektion «Miteinander … füreinander», in der wir unter anderem auch die Tatsache betonen, dass alle Religionen vor Gewalt und Krieg warnen und die Pflicht, Frieden zu stiften, artikulieren. In dieser Lektion lernen die Schüler und Schülerinnen die Grundidee, Entstehung und Ziele des «Parlaments der Weltreligionen» sowie dessen Deklaration kennen. Zudem haben wir 2017 mit der Union der albanischen Imame zwei Workshops «Nein zum schädlichen religiösen Extremismus und Fanatismus im Namen des Islams» für muslimische Jugendliche durchgeführt – einen in Aarburg mit 56 Teilnehmenden und einen in Zürich mit 50 Teilnehmenden. Ziel der Workshops war es, die Jugendlichen für die Gefahr der Radikalisierung zu sensibilisieren, sie über die Position des Islams bezüglich Extremismus zu informieren und ihnen die Entstehungsgründe und Prozesse der Radikalisierung bewusst zu machen. Die Rückmeldungen der Jugendlichen waren sehr positiv. Sie haben die Workshops als sehr hilfreich empfunden und haben den Wunsch geäussert, dass diese aktuellen Themen öfter und in verschiedenen Formen behandelt werden sollen.

 

Immer wieder werden die Aktivitäten einzelner Moscheen in Zusammenhang mit der Radikalisierung junger Menschen gebracht und machen Schlagzeilen. Was würden Sie den Behörden raten, um die Zusammenarbeit mit islamischen Vereinen bei Fragen zur Radikalisierung zu verbessern?

Leider machen einzelne Moscheen und Imame als ‹Inkubatoren› der Radikalisierung immer wieder Schlagzeilen. Diese Moscheen hatten keine konstant angestellten und wenn dann meist einen schlecht ausgebildeten Imam. Die Gefahr, die von solchen Wanderimamen ausgehen kann, wurde vom Vorstand der Moscheen nicht rechtzeitig erkannt. Die Behörden haben vermutlich auch eher zögerlich Kontakt mit den Verantwortlichen der Moscheen und islamischen Dachorganisationen aufgenommen. Wichtig ist, dass die Moscheen und Behörden solche Gefahren richtig einschätzen lernen und dass die Behörden und die verschiedenen nationalen, kantonalen und kommunalen islamischen Organisationen eng miteinander kooperieren, um gemeinsam präventiv wirken zu können. Die übliche Schweizerische Praxis der gemeinsamen pragmatischen Lösung von Problemen vor Ort erachte ich dabei als besten Weg, um in der Prävention erfolgreich zu sein.

 

 

Quelle: Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG)’s Paper, 2018.

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