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Den Austausch noch ausbauen

BUCHS ⋅ Am Freitag lud die Stiftung Mintegra zum interreligiösen Dialog ein. Die verschiedenen Glaubensrichtungen teilen dieselben Probleme. Gelöst sollen diese gemeinsam werden.

Nadine Schwizer

Der El Nur-Verein lud zu einem Referat von Imam und Religionslehrer Rehan Neziri in ihre Räumlichkeiten in Buchs ein. Der muslimische Prediger klärt in einem Pilotprojekt seit mehreren Jahren die Kinder zweier öffentlicher Schulen in Kreuzlingen über den Islam als Glaubensrichtung auf. Am Freitag waren nun die Erwachsenen der W&O-Region an der Reihe.

Neziri begrenzte sich in seinem Vortrag nicht nur auf den Islam. Im Gegenteil: Er zeigte Probleme auf, die alle Glaubensrichtungen teilen. So erzählte er, wie die Zunahme der Konfessionslosigkeit, die fehlende Teilnahme an Gottesdiensten oder das verloren gegangene Vertrauen in die Glaubenssysteme gleichermassen Schwierigkeiten für den Islam, die katholische wie auch die evangelische Kirche darstellen. Über diese Herausforderungen wurde im anschliessenden Dialog zusammen mit den beiden Pfarrern Erich Guntli (katholisch) und Lars Altenhölscher (evangelisch) diskutiert. Auch das Publikum nahm aktiv an der Debatte teil.

Lösung liegt in Zusammenarbeit

Der Imam identifizierte aber nicht nur Probleme, sondern lieferte auch einen Lösungsansatz. So fand Neziri: «Die gegenseitige Beeinflussung ist kein Problem, es ist eine Notwendigkeit.» Seiner Meinung nach müssen Brücken zwischen Imamen, Pfarrern, Rabbis usw. geschlagen werden: «Wir haben die Aufgabe, zusammenzukommen und uns auszutauschen.»

Dass dieser Austausch bereits stattfindet, bewies Neziri am Beispiel der Spitalseelsorge. Seit letztem Jahr gibt es im Kantonsspital St. Gallen auch eine muslimische Version der christlichen Tradition. Die Idee dazu brachte der Dialog mit katholischen und reformierten Pfarrern, wie der Imam erzählte: «Wir haben in einem gemeinsamen Gespräch bemerkt, dass Menschen in Krisensituationen nach etwas suchen. Die Religion muss da präsent sein.» Die Beeinflussung hört mit der reinen Übernahme der Tradition nicht auf. Denn die neuen muslimischen Spitalseelsorger wurden auch durch die katholischen und protestantischen Pfarrer geschult. Neziri stellt mit Stolz fest: «Die grosse Freude unserer Kranken beweist den Erfolg unseres Austauschs.»

Doch nicht nur in der Spitalseelsorge lohne sich die Zusammenarbeit. Neziris Pilotprojekt an den öffentlichen Schulen stiess in Kreuzlingen vor allem am Anfang nicht nur auf Zustimmung. Steckt die Angst vor dem Islam dahinter? Der katholische Pfarrer Erich Guntli und der Imam waren sich in der Diskussion schnell einig: nicht nur. Denn jede Religion habe dieser Tage um ihren Stellenwert im öffentlichen Raum zu kämpfen. Für Guntli ist klar: «Nur zusammen kann dem aktuellen Abwehrreflex gegen alles Religiöse in der Gesellschaft entgegengewirkt werden.» Auch der evangelische Pfarrer Altenhölscher betrachtet es als wichtige Aufgabe, der Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber dem Thema Glauben gemeinsam zu trotzen.

Balance in der eigenen Glaubensgruppe herstellen

Doch Herausforderungen kämen nicht nur von aussen. Neziri erzählte, dass es innerhalb aller Glaubensgemeinschaften ultrakonservative Kräfte gebe. Er sieht es als wichtig an, diese zu beruhigen: «Es ist unsere Aufgabe, eine Balance herzustellen. Zu akzeptieren, dass es die unterschiedlichen Pole und Ansichten innerhalb unserer Gruppen gibt, sie aber auch zusammenzubringen und für den Austausch mit dem Unbekanntem zu sensibilisieren.» Denn, und in diesem Punkt waren sich die verschiedenen Kleriker und Glaubensanhänger einig: Zusammen ist man in der modernen Gesellschaft stärker. Zusammen kann man die verschiedenen Religionen dem neuen, individualisierten Zeitalter anpassen.

Quelle: Tagblatt, vom 12. März 2018

Bild: Nadine Schwizer

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